Betriebliche Mobilität – Immer flexibel bleiben

Handelsblatt Spezial – „Immer flexibel bleiben“ – 24.04.2018

Quelle © Handelsblatt Media Group GmbH & Co. KG

Immer mehr Angestellte bevorzugen flexible Mobilitätsangebote statt Dienstwagen.

Betriebliche Mobilität – Immer flexibel bleiben

Mit Mobilitätsbudgets will die Leasingbranche dem lahmenden Geschäft bei Firmenfahrzeugflotten neues Leben einhauchen.

Dienstwagen – vor allem für jüngere Mitarbeiter ist das immer seltener eine Option. Obwohl ihnen ein Firmenfahrzeug zusteht, verzichten sie und steigen lieber auf Car- und Bikesharing- Angebote um. Angesichts langer Staus auf Autobahnen und verstopfter Metropolen ist der Dienstwagen für das Fortkommen zunehmend ungeeignet. Jedenfalls ist er nicht mehr automatisch die erste Wahl.

Auf diesen Trendwechsel haben sich viele Leasinggeber noch nicht eingerichtet. Auf Mitarbeiter, die immer öfter und immer schneller ihren Job oder Wohnort wechseln, auch nicht. Den steigenden Bedarf nach universeller Mobilität mit
verschiedenen Verkehrsmitteln kann das klassische Fahrzeugleasing mit starren Vertragslaufzeiten nicht bedienen.

Viele Flottenbetreiber versuchen daher, immer höhere Kontingente für kostenfreie Rückgaben vorzeitig beendeter Leasingverträge auszuhandeln. Mit einer monatlichen Pauschalzahlung für ein Mobilitätsbudget, das unterschiedliche Verkehrmittel umfasst, wäre ein vorzeitiger Ausstieg von Mitarbeitern für den Arbeitgeber kostenneutral.

Mobilitätsbudget der Fahrzeugvermieter Sixt, der neben neben seinem Kerngeschäft auch eine eigene Leasingsparte betreibt. Alternativ zum klassischen Dienstwagen bietet Sixt seinen Service auch auf Basis eines Mobilitätsbudgets an. Mittels einer Onlineplattform können Mitarbeiter ihren Mobilitätsbedarf bedarfsgerecht selber planen. Dabei bewegen sie sich innerhalb eines festen, vom Arbeitgeber definierten Kostenrahmens. Das Angebot hat Sixt in Zusammenarbeit mit dem Beratungsunternehmen Boston Consulting Group entwickelt. Sixt sägt dabei keineswegs an dem Ast, auf dem es sitzt. Im Gegenteil:
Der vereinfachte Zugang zu den hauseigenen Mobilitätsangeboten wie Mietwagen oder dem Flughafen- Chauffeurdienst „My Driver“ sorgen für bessere Auslastung.

Bislang gibt es keinen Dienstleister, der das Mobilitätsbudget skalieren kann.“ Philip Kneissler, Gründer belmoto Mobility

Neuer Player in diesem Markt ist belmoto Mobility. Ziel der Hamburger ist, eine bedarfsorientierte Alternativen zum Leasing zu etablieren. Dazu
setzt Belmoto alles auf eine Karte: Die Belmoto Mobility-Card wird wie eine Prepaidkarte vom Arbeitgeber mit einem Guthaben aufgeladen. Das können die Inhaber der Karte bargeldlos verwenden für die Nutzung verschiedener Verkehrsmittel – angefangen vom Dienstwagen über Taxis, Bikeund Carsharing-Angebote bis zu Langzeitmieten und öffentlichem Nahverkehr. Letzterer ist beim Angebot von Mitbewerber Sixt ausgenommen. Belmoto organisiert für seine Firmenkunden die Beschaffung von Leasingund Mietwagen und übernimmt deren Verwaltung. Die Hanseaten unterhalten aber keine eigene Flotte.

Branche ist Trendsetter

Die Mobilitätskarte wurde bereits von 800 Anwendern erprobt. Mit seinem unabhängigen Konzept will Belmoto- Gründer Philip Kneissler nun weiter nach vorne marschieren: „Bislang gibt es keinen Dienstleister, der das Mobilitätsbudget skalieren kann“, so Kneissler. Ein weiterer Unterschied des Belmoto-Angebots zu Sixt: Das aufgebuchte Budget verfällt nicht nach sechs Monaten. Nutzer können Restbeträge entgeltoptimiert für private Zwecke nutzen.

„Ist am Ende das Geld nicht aufgebraucht, kann der Mitarbeiter das Guthaben behalten und zum Beispiel in den eigenen Urlaub investieren. Er wird sich deshalb überlegen, ob es klug ist, zu einem Meeting zu reisen, oder kostengünstiger, via Skype zu kommunizieren. Die Nutzung von E-Bikes oder öffentlichen Verkehrsmitteln statt Taxis spart bares Geld und Emissionen. Dieses einfache, aber effiziente Incentive bewegt Mitarbeiter zu mehr nachhaltiger Mobilität“, sagt Gunter Glück, Vorsitzender Netzwerk intelligente Mobilität und Beirat für Belmoto Mobility.

Das Konzept ist nicht neu. Erste Versuche, mittels Mobilitätsbudgets Emissionen zu reduzieren, gab es schon vor zehn Jahren in den Niederlanden. Motiviert von Umweltauflagen hatten dort Firmen Pilotprojekte gestartet. Per Chipkarte konnten Bahntickets, Taxis, Mietwagen und Park-&-Ride-Parkplätze bezahlt werden. Und auch in Belgien startete zu diesem Zeitpunkt ein ähnliches Projekt.

Vor einigen Jahren hatten auch in Deutschland die ersten Leasinggesellschaften Nachhaltigkeit auf der Agenda.  Sie bereiteten sich damit auf die prognostizierten Veränderungen im Mobilitätssektor durch gesetzliche Einschränkungen beim Schadstoffausstoß vor. Als viele Flottenkunden händeringend nachhaltige Alternativen suchten, um die Unterhaltskosten ihrer Fuhrparks und nebenbei die Emissionen zu senken, standen die Leasinggesellschaften bereit. Sie finanzierten nicht nur die ersten Elektrofahrzeuge, sondern verleasten bereits E-Bikes, lange bevor sie im Jahr 2012 vom Fiskus steuerlich anerkannt wurden.

Vor dem Hintergrund immer neuer Umweltauflagen und eines veränderten Mobilitätsverhaltens geraten Leasinggesellschaften einmal mehr unter Innovationsdruck. Denn nun werden auch in Europa die finanzpolitischen Rahmenbedingungen dafür geschaffen,
Firmenwagen zugunsten des Mobilitätsbudgets von der Straße zu verdrängen. Der parlamentarische Finanzausschuss in Brüssel hat erst vor Kurzem einem entsprechenden Gesetzesvorschlag für eine Mobilitätsvergütung zugestimmt.

Quelle: Anke Brillen v. Rossum Werther © Handelsblatt Media Group GmbH & Co. KG.
2018-07-26T15:40:42+00:00